Wie das Gedächtnis funktioniert

"Das Gedächtnis ist das Instrument, mit dem man vergisst" (Alexander Chase).

Diese Aussage erscheint paradox, doch sie trifft den Kern dessen, was das Gedächtnis ist und tut. Denn mit dem Gedächtnis prägen wir uns nicht nur neue Sachverhalte ein, sondern mit dem Gedächtnis müssen wir auch entscheiden, welche Informationen wir uns nicht merken wollen. Zahllose Informationen prasseln auf jeden einzelnen Menschen ein: Schätzungen gehen davon aus, dass die Sinnesorgane (Augen, Ohren, Nase, Mund, Nervenzellen der Haut) jede Sekunde rund 10.000 Informationseinheiten empfangen. Das menschliche Gehirn wäre nicht in der Lage, all diese Informationen zu verarbeiten. Deshalb ist jedes Gehirn so konstruiert, dass es - meist automatisch - eine Auswahl trifft, welche Informationen weiterverarbeitet werden.
Eine Information muss mehrere Stationen durchlaufen, bis sie fest in unserem Gedächtnis verankert ist und wieder abgerufen werden kann.

In die erste Station, den Wahrnehmungsspeicher bzw. das Ultrakurzzeitgedächtnis, gelangen alle Gedanken und Sinneseindrücke, die über die Sinne aufgenommen werden. Die Informationen bleiben als elektrische Reize (Ionenströme) wenige Sekunden lang im Wahrnehmungsspeicher. Danach verlöschen die meisten Informationen "spurlos". Zwischen dem Wahrnehmungsspeicher und der nächsten Station, dem Kurzzeitgedächtnis, befindet sich ein Filter, vergleichbar einem "Wächter", der kontrolliert, wen er durchlässt. Nur ein Teil der Informationen darf in das Kurzzeitgedächtnis, das, in die Computersprache übersetzt, als Arbeitsspeicher des Gedächtnisses bezeichnet werden kann. Dies sind Informationen, die besondere Aufmerksamkeit wecken, weil sie auffälliger oder interessanter als der Rest der Informationen sind oder weil der "Wächter" angewiesen wurde, seine Aufmerksamkeit bewusst auf sie zu lenken. Eine Information bleibt nur eine kurze Zeit (einige Sekunden bis einige Minuten) im Kurzzeitspeicher, bevor sie entweder wieder verlöscht oder in den Langzeitspeicher gelangt.
Um zur dritten Station, in das Langzeitgedächtnis, durchzudringen, müssen die Informationen eine oder mehrere der folgenden Voraussetzungen erfüllen: an Bekanntes anknüpfen besonders auffällig sein von besonderem Interesse sein bewusst verarbeitet werden.

Wenn Informationen ins Langzeitgedächtnis gelangen, finden im Gehirn chemische Veränderungen statt. Was einmal im Langzeitgedächtnis gespeichert ist, geht normalerweise nie mehr verloren. Dort sammelt sich jedoch im Lauf des Lebens eine Menge an: Wissenschaftler vermuten, dass ein Erwachsener über 500 000 mal so viele Informationen im Langzeitspeicher verfügt, wie in den größten Enzyklopädien, z.B. der Encyclopaedia Britannica, enthalten sind. Von dieser enorm großen Informationsmenge können wir auf Anhieb nur einen geringen Teil wiederfinden.

Dieser Teil, den wir ohne Schwierigkeiten abrufen können, wird aktives Wissen genannt. Dazu gehören solche Informationen, die wir öfter benötigen, mit denen wir aktiv arbeiten und solche Informationen, die wir sehr intensiv (mit Herz und Verstand) gelernt haben. Träges bzw. passives Wissen ist dagegen solches Wissen, das wir selten brauchen, wie z.B. eine Sprache, die wir zwar gelernt, aber seit mehreren Jahren nicht mehr verwendet haben. Dieses Wissen ist allerdings nicht verloren, denn was einmal gelernt wurde, kann schnell wieder aufgefrischt werden. Der Aufwand dafür ist viel geringer als das neue Erlernen einer Sprache.

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